Intergalaktischer Wanderer (NGC 2419)

Geschichte

Der Kugelsternhaufen NGC 2419 wurde am 31. Dezember 1788 von Wilhelm Herschel entdeckt und als I 218 katalogisiert (class I = bright nebulae). Er beschrieb ihn wie folgt: «beträchtlich hell, rund, ganz allmählich viel heller in der Mitte, etwa 3' Durchmesser» [465]

NGC 2419
NGC 2419: Intergalaktischer Wanderer in Lynx; 500 mm Cassegrain 5800 mm f/11.4; SBIG STL11K; 60+20+20+20 min LRGB; Berner Oberland; © 2005 Radek Chromik
NGC 2419
NGC 2419: Kugelsternhaufen in Lynx; Takahashi Mewlon 250 CR, Reducer CR 0.73 (1800mm / f7.25), SBIG ST-8300; 9L x 600sec 1×1, 6R, 7G, 6B 2×2 x 600sec; Berner Oberland; © 2022 Bernhard Blank, Dragan Vogel

Physikalische Eigenschaften

Mit einer Entfernung von 83 kpc (rund 270'000 Lichtjahre) ist NGC 2419 einer der entferntesten Kugelsternhaufen, weiter entfernt als die Grosse Magellansche Wolke. Bis vor kurzem glaubte man, er gehöre gar nicht zum Halo der Milchstrasse, weshalb er den Spitznamen «Intergalaktischer Wanderer» erhielt. [145, 196]

NGC 2419
NGC 2419: Aufnahme mit dem Hubble Weltraumteleskop. © ESA/Hubble & NASA [301]

Messungen mittels dem Hubble Weltraumteleskop und dem Gaia Weltraumteleskop zeigten, dass NGC 2419 das Zentrum der Milchstrasse auf einer fast polaren Bahn von etwa 53 kpc bis 98 kpc (173'000 bis 320'000 Lichtjahre) umrundet und dafür etwa vier Milliarden Jahre benötigt. Dies und der gemeinsame Rotationssinn um die Milchstrasse machen es sehr wahrscheinlich, dass dieser Kugelsternhaufen einst zur elliptischen Sagittarius Zwerggalaxie (Sgr dSph, Sag DEG) gehörte. [302]

Für gewöhnlich zeigen Sterne innerhalb Kugelsternhaufens sehr ähnliche Eigenschaften, wie zum Beispiel das Alter und der Metallgehalt (in der Astronomie alle Elemente schwerer als Helium), da die Sterne zur selben Zeit entstanden sind. Es wurde auch angenommen, dass diese Ähnlichkeit auch für den Heliumgehalt der einzelnen Sterne innerhalb des Kugelsternhaufens gelten wurde. Studien von NGC 2419 mittels dem Hubble Weltraumteleskop zeigten, dass diese Annahme nicht immer stimmt. Dieser Kugelsternhaufen zeigt zwei unterschiedliche Population von Roten Riesen, ein von diesen ist ungewöhnlich reichhaltig an Helium. Andere Elemente wie z. B. Stickstoff weisen auch starke Unterschiede bei den einzelnen Sternen auf. Diese Population heliumreicher Sterne wurden vorwiegend im Zentrum des Kugelsternhaufens gefunden und sie scheinen auch anders zu rotieren wie die andere Population. Dies wirft Fragen auf, ob beide Sternpopulationen zusammen entstanden sind oder unterschiedlichen Ursprungs sind. [301]

Revised+Historic NGC/IC, Version 22/9, © Dr. Wolfgang Steinicke [277]
BezeichnungNGC 2419
TypGCL (II)
Rektaszension07h 38m 08.5s
Deklination+38° 52' 57"
Durchmesser4.6 arcmin
Visuelle Helligkeit10.3 mag
Metrische Entfernung82.600 kpc
Dreyer BeschreibungpB, pL, lE 90°, vgbM, * 7·8 267°, 4' dist
Identifikation, AnmerkungenGCL 12, Intergalactic wanderer

Auffindkarte

NGC 2419 befindet sich in einer sternarmen Region im Sternbild Lynx (Luchs), rund 7° nördlich vom hellen Stern Castor (α Geminorum). Die beste Beobachtungszeit ist November bis April.

Karte Intergalaktischer Wanderer (NGC 2419)
Intergalaktischer Wanderer (NGC 2419) im Sternbild Lynx. Karte mithilfe von SkySafari 6 Pro und STScI Digitized Sky Survey erstellt. [149, 160]

Visuelle Beobachtung

320 mm Öffnung: Als Zeiger dienen zwei etwa gleich helle Sterne in deren Linie der «Intergalaktische Wanderer» folgt. Der Kugelsternhaufen NGC 2419 ist als kugeliger Nebelfleck, aber nicht in Einzelsterne aufgelöst, zu erkennen. Das Zentrum erscheint ein wenig punktförmig aufgehellt. — 12.5" f/4.5 Ninja-Dobsonian, Glaubenberg, 25. 3. 2022, Eduard von Bergen

400 mm Öffnung: Bei geringer Vergrößerung (21 mm Tele Vue Ethos, 85x) fällt der Kugelsternhaufen als rundes Nebelchen in der Verlängerung zweier heller 7 mag Sterne auf. Einer davon ist ein Doppelstern. Ein sehr schöner Anblick. Mit den zwei weiteren, etwas schwächeren Sternchen am anderen Ende sieht es etwas wie ein Pfeil aus, der auf den Kugelsternhaufen zufliegt. Bei ruhiger Luft, glaubt man vereinzelt kleine Sternchen im Kugelsternhaufen aufblitzen zu sehen. Im 16 mm Nagler Okular (112x) entpuppen sich diese als feine Nachbarsterne und treten deutlicher hervor. Der Haufen selbst bleibt neblig mit einer etwas helleren Mitte. Im 9 mm Nagler Okular (200x) ist der Anblick am schönsten. Der Kontrast vom Kugelsternhaufen zum Himmelshintergrund erscheint hier am besten und die Spezialität mit den beiden hellen Sternen bietet ein schönes Gesamtbild. Der Kugelsternhaufen lässt sich selbst bei noch mehr Vergrößerung (bis 450x) nicht in Einzelsterne auflösen. Dazu ist er zu dunkel. — Taurus T400 f/4.5 Dobsonian, Glaubenberg, SQM-L 20.9, 25. März 2022, 21:00 CET, Bernd Nies

Weitere Objekte in der Nähe (±20°)

Quellenangaben

145SIMBAD astronomical database; simbad.u-strasbg.fr/simbad
149SkySafari 6 Pro, Simulation Curriculum; skysafariastronomy.com
160The STScI Digitized Sky Survey; archive.stsci.edu/cgi-bin/dss_form
196Celestial Atlas by Curtney Seligman; cseligman.com/text/atlas.htm (2020-12-28)
277«Historische Deep-Sky Kataloge» von Dr. Wolfgang Steinicke; klima-luft.de/steinicke (2021-02-17)
301The two mysterious populations of NGC 2419; esahubble.org/images/potw1908a (2021-04-06)
302«The power of teaming up HST and Gaia: the first proper motion measurement of the distant cluster NGC 2419» D. Massari, L. Posti, A. Helmi, G. Fiorentino1 and E. Tolstoy; A&A Volume 598, February 2017; DOI:10.1051/0004-6361/201630174
465«Catalogue of 500 new nebulae, nebulous stars, planetary nebula:, and clusters of stars; with remarks on the construction of the heavens» William Herschel, Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 1 January 1802; DOI:10.1098/rstl.1802.0021