Sh 2-129 Fliegende-Fledermaus-Nebel & Ou4 Tintenfisch-Nebel

Sharpless 2-129 + Ou4
Sharpless 2-129 + Ou4: H-II Region mit möglichem PN in Auriga; Celestron RASA 11" f/2.22; ZWO ASI6200 Pro; 6 Stunden; Tentlingen; © 2020 Peter Kocher

Geschichte

In den späten 1950-er Jahren entdeckte der amerikanische Astronom Stewart Sharpless den großen Nebel Sh 2-129 auf den 48 Zoll Schmidt-Teleskop Fotoplatten des «Palomar Observatory Sky Survey». Im Jahr 1959 veröffentlichte er seine Entdeckung zusammen mit 313 H-II-Regionen in einem Katalog. Er klassifizierte den Nebel als von unregelmäßiger Form mit 140 Bogenminuten Durchmesser, amorpher bis fadenförmiger Struktur und mittlerer Helligkeit und vermerkte: «Teil der I Cep Assoziation.» [310] Der Nebel wurde später als «Fliegende-Fledermaus-Nebel» (Flying Bat Nebula) bekannt.

Im Mai 2011 beschloss der französische Amateur-Astrofotograf Nicolas Outters, ein Bild von Sh 2-129 zu machen. Er belichtete mehrere Aufnahmen von jeweils 30 Minuten im Mai und Juni mit seinem FSQ-106 Refraktor und der SBIG 6303e CCD-Kamera und den Filtern Hα, [S II] und [O III], insgesamt 12.5 Stunden. Nachdem er die durch den O-III-Filter aufgenommenen Bilder kombiniert hatte, entdeckte er eine große Struktur, die in keinem Zusammenhang mit dem Nebel Sh 2-129 zu stehen schien. Er nannte sie «Le Calamar». Die seltenen Bilder von Sh 2-129, die er im Internet fand, zeigten keine solche Struktur. Er setzte sich mit der französischen Astrophysikerin Agnès Acker in Verbindung, welche dieses seltsame Objekt genau untersuchte und eine bedeutende Präsenz von [O III] bestätigte. Der Nebel erhielt die Bezeichnung Ou4, für den vierten von Outters entdeckten Nebel. [508, 509]

Sharpless 2-129
Sharpless 2-129: Ausschnitt aus dem STScI Digitized Sky Survey (rot). Ou4 ist hier nicht sichtbar. [147]

Physikalische Eigenschaften

Die Morphologie von Ou4 mit einer zentralen, scheibenförmigen Struktur und zwei länglichen, gegenüberliegenden Lappen sieht aus wie ein bipolarer planetarischer Nebel. Das Spektrum wird von den grünen [O III]-Linien dominiert, deren Gesamtintensität etwa 20-mal größer ist als die von Hβ. Eine solch hohe Anregungsklasse steht im Einklang mit einem sehr heißen Zentralstern. Der sehr helle Stern, der im zentralen Teil des Nebels liegt, ist HR 8119, ein Dreifachsystem. Er ist vom Spektraltyp B0 II oder B0 V. Es wird vermutet, dass der Stern zur Cepheus OB2-Massivsterne-Assoziation, zur Sh2-129 H II-Region oder zum Trumpler 37-Haufen gehört. Er ist veränderlich (V=5.51 bis 5.57). [509]

Die scheinbare Position von Ou4 und die Eigenschaften lassen den Schluss zu, dass sich Ou4 innerhalb der Sh 2-129 H II-Region befindet, was darauf hindeutet, dass er vor etwa 90'000 Jahren von HR 8119 gestartet wurde. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass Ou4 ein bipolarer planetarischer Nebel oder das Ergebnis eines eruptiven Ereignisses auf einem massiven AGB- oder Post-AGB-Stern ist, der noch nicht identifiziert wurde. [510]

Weitere Infos bei CDS: Sh2-129

Auffindkarte

Sh2-155 befindet sich im südöstlichen Teil des Sternbilds Cepheus. Er ist für Mitteleuropa zirkumpolar. Die beste Beobachtungszeit ist Mai bis Dezember.

Karte Sh 2-129
Karte mithilfe von SkySafari 6 Pro und STScI Digitized Sky Survey erstellt. [149, 160]

Quellenangaben

147Aladin Lite; aladin.u-strasbg.fr/AladinLite (2020-12-23)
149SkySafari 6 Pro, Simulation Curriculum; skysafariastronomy.com
160The STScI Digitized Sky Survey; archive.stsci.edu/cgi-bin/dss_form
310«A Catalogue of H II Regions» Stewart Sharpless, US Naval Observatory, 1959; DOI:10.1086/190049; Bibcode:1959ApJS....4..257S
508Ou4: une découverte extraordinaire — Astronomie et CCD; outters.fr/wp/?page_id=1701 (2022-04-05)
509«Discovery of New Faint Northern Galactic Planetary Nebulae» Acker, A.; Boffin, H. M. J.; Outters, N.; Miszalski, B.; Sabin, L.; Le Dû, P.; Alves, F.; Revista Mexicana de Astronomía y Astrofísica Vol. 48, pp. 223-233 (2012); arXiv:1206.2477; Bibcode:2012RMxAA..48..223A
510«Gas physical conditions and kinematics of the giant outflow Ou4» Romano L. M. Corradi, Nicolas Grosso, Agnès Acker, Robert Greimel and Patrick Guillout; A&A Volume 570, October 2014; DOI:10.1051/0004-6361/201322718